Geschichte der Mühlen

Mühlen ohne Müller - oder die Reben sind der Mühlen Lust.
Die Weingüter im Elsterbachtal

Nur sehr wenige Dinge verfügen über so eine weit gefächerte Bedeutung im gegenständlichen, wörtlichen und übertragenen Sinn in der deutschen Sprache wie die Mühlen. Sie haben ihre Bewertungen in der heutigen Zeit, in der Zukunft und vor allem schon sehr lange während der Vergangenheit.

Mühlen sind gleichermaßen Symbole für produktive  Betriebsamkeit, Technik und anhaltende Kraft wie auch für Langsamkeit, Romantik, Beschaulichkeit, Kreativität und Poesie. Bis in den mystischen Bereich der Märchen und der Zauberkraft reichen sie einer- und in den versklavenden, profitträchtigen Aspekt der Industriealisierungsanfänge andererseits. Die Bezeichnungen der Mühlen richten sich nach ihren Funktionen, nach ihren Antriebsarten, nach ihrer Arbeitsweise oder nach ihren Produkten. Und schließlich verkörpern Namen von Mühlen oft auch Eigentümerhistorien und Standortbezeichnungen, können also auch wichtige Orientierungspunkte in Zeit und Raum darstellen. Sowohl positive wie auch negative Aspekte drücken sie direkt und mehr noch in ihren übertragenen Sinnbedeutungen aus. Sie stehen für harte Arbeit und kreativen Genuss, sie wurde besungen, bedichtet, gemalt, und fotografiert.
Und sie sind gelegentlich unsterblich: Es gibt viele Bauwerke, Straßen oder Standorte, die die Namen von Mühlen tragen, obwohl die Mühle selbst schon lange nicht mehr existiert.

Natürlich werden keine Anker in der Ankermühle gemahlen. Aber auch kein Wein. Obwohl: Wein- oder besser Traubenmühlen gibt es tatsächlich. Das sind Gerätschaften, die Obst und Beeren (also auch Weintrauben) so fein zermahlen, dass sie als Maische hervorragend zum Keltern geeignet sind. Aber die Ankermühle war eine klassische Getreidemühle. Sie war und ist auch längst nicht die einzige Mühle im Rheingau. Bis zu 100 Wassermühlen hat es früher einmal im Rheingau gegeben, allein im Umfeld des Elsterbachs (Das ist dort, wo die „Ankermühle“ liegt.) gab es 14 Mühlen. Heute haben immerhin acht von ihnen etwas mit dem Weinbau zu tun.

Der Elsterbach entspringt ca. einen Kilometer nördlich der Ortschaft Stefanshausen im Rheingaugebirge. Aber erst auf der Gemarkung von Marienthal und dem dortigen Kloster erreicht das Bächlein offiziell den Rheingau. Und hier sind bereits die ersten Mühlen gelegen: Die Marienthaler Mühle, die Schleifmühle, die Reue’sche Mühle, die Oster- und die Weihermühle. Es folgen die Elster- und die Schamari-Mühle. Es kommen die Brückenmühle und die Krayer’sche Mühle, bevor die Vatter’sche Mühle, die Mühle an der Klaus, die Ankermühle, die Weißmühle und die Pforzheimer Mühle folgen. Den südlichen Abschluss kurz vor dem Rhein bildet die Zwickmühle. Man streitet in der Bewertung ein wenig, ob es nun 14 oder 15 Mühlen sind oder zumindest waren. Von drei Mühlen ist zumindest baulich nichts mehr übrig. Die neuen darauf errichteten Gebäude tragen aber den Namen Mühle. Weitere zwei sind längst keine Mühlen mehr und nicht öffentlich zugänglich. Eine Mühle ist ein Obstgut und eine eine Gaststätte mit Abend- und Nachtbetrieb (Zwickmühle). Drei Mühlen arbeiten als reine Weingüter, (Weihermühle, Brückenmühle, Krayer’s Mühle) ein weiteres Gut betreibt zusätzlich im Sommer eine Straußenwirtschaft (Vatter’sche Mühle) und vier Mühlenbetriebe begrüßen ihre Gäste als Weingut mit Gutsschänke. Einer davon ist die Ankermühle. Die anderen sind die Schamari-Mühle, die Ostermühle und die Schleifmühle.

Fast wie auf einer hochwassersicheren Perlenschnur sind die Mühlen an dem kleinen (genau 8,786 km langen) Flüsschen aufgereiht. Die „Ankermühle“ ist davon die erste, aber nur dem Alphabet nach geordnet. Die eigentliche Mühlenzone erstreckt sich nur auf einem kleinen Teil der gesamten Strecke.
Aprospos Alphabet. Müller waren früher in der Überzahl Analphabeten. Chroniken über Mühlen gestalten sich deshalb, so auch die meisten im Elsterbachtal, als ausgesprochen lückenhaft und widersprüchlich oder zumindest als ungenau. Nicht nur, dass die Namen der Mühlen relativ häufig wechselten, sondern auch die Schreibweisen. So war die heutige Brückenmühle früher die Jahn’sche Mühle, was auch nicht stimmt, denn der Besitzer, auf den sich der Name bezieht, hieß Jann und nicht Jahn. Ist auch irgendwie egal, denn heute steht der Betrieb unter dem völlig anderen Namen „Johannishof“ im Register. Der Johannishof ist unter den Mühlen die einzige VDP-Adresse. Das ist der Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter. Im Rheingau gibt es immerhin 42 VDP-Mitglieder, darunter allein elf in den Toplagen der Gemeinde Oestrich-Winkel.

Die Krayer’sche Mühle ist eigentlich die Krayer’s Mühle. Obwohl es natürlich auch eine Wassermühle war, die die seltenen Aufgaben einer Wallnussmühle erfüllte, wirbt der heutige Betreiber mit einer Windmühle im Logo. Die Krayer’s Mühle steht in einigen Hinweisen auch als Bartholomaeus-Mühle und wieder in anderen als Pforzheimer Mühle verzeichnet. Das liegt daran, dass sie an einer Stelle im Ortsteil Winkel liegt, die historisch als Bartholomaeus-Kopf bekannt wurde oder weil sie in einer Straße unter der Hausnummer 1 liegt, die merkwürdigerweise Pforzheimer Mühle heißt.

In Realität liegt das Gebäude als moderner Zweckbau fernab jeglicher Mühlenromantik mitten in den herrlichen Weinbergen von Oestrich-Winkel. Um das ganze noch zu verkomplizieren, gibt es noch die Krayer’sche Mühle. Aber die liegt auf Johannisberger Grund und war immer eine Industriemühle, die zum Ende ihrer Karriere als Energiezentrale der dortigen Maschinenfabrik Johannisberg ihren Dienst versah. Die Dampfmasche machte ihr den Garaus. Die Druckmaschinenfabrik selbst ging in den MAN-Roland-Konzern auf, den es wiederum auch nicht mehr gibt, weil er zu großen Teilen von einer so genannten Finanzheuschrecke verschluckt wurde.
Druckfehlerbehaftet taucht auch die Reus’sche Mühle  sowohl in den Annalen als auch in der Realität auf Hinweisschildern auf. Da ist auch von der Reu’ssischen Mühle die Rede, die eigentlich aber Scherer’sche Mühle geheißen haben soll. Auf einem Schild am Standort der Mühle, von der nichts mehr übrig geblieben ist, nennt man sie Reussische Mühle, auf einer Tafel daneben steht Reuss’sche Mühle. Richtig müsste sie übrigens Reue’sche Mühle betitelt sein, denn der Fabrikant, der ihr ab 1856 den Namen gab, hieß Adolf Reue.